Auch der Chocó ist Kolumbien

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Wieder einmal hat sich der kolumbianische Staat entschieden, eine der artenreichsten Regionen der Erde zu schädigen mit seiner Politik der Versprühung von Herbiziden von Flugzeugen aus gegen die Kokapflanzungen, die in der Region aufgetaucht sind. Nach offiziellen Angaben erreichten sie 2004 kaum 453 ha, wie die letzte bekannte Statistik über Anbauflächen besagt. Wenn wir auch über den Reichtum und die enormen Potentiale des Chocó als Biosphäre noch sehr wenig wissen, so können wir, die wir bemüht sind, die komplexen Ökosysteme der Natur zu begreifen, nicht umhin, auf die Ignoranz jener zu reagieren, die aggressive Strategien gegen die Gesellschaft und die Umwelt billigen und verkünden, unter dem Vorwand, Sicherheit zu schaffen und mit dem „Narkoterrorismus” Schluß zu machen.

Das ist eine Politik des gewaltsamen Eindringens in Territorien von schwarzen Gemeinden und indigenen Völkern, die internationale, von Kolumbien unterzeichnete Verpflichtungen verletzt, wie die ILO-Konvention 168, in der die Regierungen verpflichtet werden, vorherige Konsultationen über Aktionen durchzuführen, die die Integrität des sozialen und territorialen Gefüges derer, die dort leben, in Mitleidenschaft ziehen können. Die Besorgnis, die die Maßnahme unter der Bevölkerung des Chocó hervorgerufen hat, ist auch unsere Sorge. Die sozialen Organisationen, die wissenschaftliche Gemeinschaft der Ökologen, die Menschenrechtler und die Bürger, die diese Erklärung unterschreiben, weisen den Beginn von Sprühaktionen im Biogebiet des Chocó zurück, da wir die negativen Wirkungen kennen, die der „Krieg gegen die Drogen” für die Demokratie, die Menschenrechte, die Ernährungssicherheit, die Gesundheit und die Umwelt in den Ländern, wo er praktiziert wird, verursacht.

Eins ist für uns völlig klar. Die mehr als zwanzig Jahre, die die Besprühungen aus der Luft über kolumbianischem Territorium andauern, um die verbotenen Kulturen zu vernichten und so den Drogenhandel in die Länder des Nordens zu verringern, haben ihr Ziel nicht erreicht. Während der tropische Regenwald mit Landwirtschaftsgiften getränkt wird, breitet sich der Drogenkonsum zu Niedrigpreisen in den Straßen der Vereinigten Staaten aus, aus dem einfachen Grund, weil die Qualität und die Mengen der Produktion im Laufe der Jahre relativ konstant geblieben sind. Aber die strategischen Ökosysteme werden zerstört mit irreversiblen Folgen für die Tradition und die Kultur der jahrhundertealten Gemeinschaften.

Wir lassen auch weder die geostrategischen und ökonomischen Interessen außer acht, die hinter der Strategie „Null Toleranz gegen die Drogen” wirken, noch das millionenschwere Geschäft, das für zahlreiche legale und illegale Akteure herausspringt, wenn sie sich in Aktivitäten des Drogenhandels mischen, unter denen der Anbau von Koka, Cannabis und Mohn nur das erste und schwächste Glied in der Kette ist. Wir geben uns keiner Täuschung hin. Der repressive Kreuzzug gegen die Drogen nährt die soziale Ungerechtigkeit und verpfändet die Zukunft mehrerer Generationen, wenn bedeutende Anteile des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Finanzierung der Bataillone zur Drogenbekämpfung und in den Kauf von Hubschraubern, Radareinrichtungen, Kleinflugzeugen und jeder Art von Bewaffnung gesteckt werden, während diie Elendskennziffern mehr und mehr kolumbianische Familien erfassen.

"Das ist es exakt, was sich für den Chocó ankündigt und was wir, die Unterzeichner dieses Briefes, nicht geschehen lassen wollen.”

Für keinen Kolumbianer ist es en Geheimnis, daß das Biogebiet des Chocó mehr als 5 Mill. ha Feuchtwälder umfaßt, die nicht nur eine außerordentliche Reserve der Artenvielfalt darstellen, sondern auch den Lebensraum von zahlreichen indigenen Ethnien und afrostämmigen Gemeinschaften, die durch komplexe Prozesse der kulturellen Adaption überlebt haben und die das Recht haben, weiterhin die Territorien zu beanspruchen, die sie von ihren Vorfahren ererbt haben und die sie mit aller Entschiedenheit ihren Nachkommen hinterlassen wollen. Diese Sorge bringen wir auch zum Ausdruck in Bezug auf unsere Brüder, die Bauern und indigenen Bewohner Ekuadors, wo ebenfalls die Auswirkungen einer Politik spürbar werden, die sich auf die Andenregion in ihrer Gesamtheit auszudehnen droht.

Diesen Überlegungen folgend und in Verteidigung der überkommenen Gemeinschaften, ihres Wissens und ihrer Territorien fordern wir, die Besprühungen mit Herbiziden auf den gesamten nationalen Territorium einzustellen und sie in Übereinstimmung mit der nationalen Gesetzgebung nicht in den fragilen Ökosystemen des Chocó-Biogebietes und der Naturparks Kolumbiens einzusetzen.

Wir appellieren an die moralische Kraft unserer Argumente und empfehlen, daß die lokalen Gemeinden und sozialen und wissenschaftlichen Akteure und die Vertreter der internationalen Zusammenarbeit zusammengerufen werden, alle, die an der Suche nach friedlichen Lösungen interessiert sind, die die Intelligenz und das Gefühl der Menschlichkeit geltend machen und fordern.

Ecologistas en Acción